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Thema: Antriebskonzept

Wenn Sie nicht sehr tief in die Tasche greifen und sich eines der Luxus-Reisemobile der Liner-Klasse leisten, finden Sie unter einem handelsüblichen Reisemobil immer das Fahrgestell eines Leicht-LKW (LLkw, "Transporter"), welches Ihnen auch als Zustellfahrzeug Ihres Paketdienstes geläufig sein sollte.

Obwohl es technisch machbar ist, diese Fahrzeuge auf Gasantrieb ("LPG") umzurüsten, beschränken sich solche Versuche bisher auf Lkw. Bei den Motoren von Reismobilen handelt es sich folglich fast immer um leistungsfähige und drehmomentstarke, aber kleinvolumige Dieselmotoren.

Das Angebot an Fahrgestellen ist - im Gegensatz zu den unzähligen Aufbauvarianten der Hersteller - daher leicht überschaubar.

Wir möchten daher auf die Antriebskomponenten (Motor, Getriebe und Kupplung, den sogenannten Antriebsstrang des Reisemobils) genauer eingehen.

1. Frontantrieb

Der Frontantrieb ist einfach, kosten- und gewichtsgünstig. Nicht verwunderlich, daß dieser den bei weitem größten Anteil der Antriebe im Bereich der LLkw ausmacht.

Hersteller:

Fiat, Citroen, Peugeot, Renault, Ford, einige asiatische Hersteller

Häufig genannte Vorzüge:

Auf Grund des geringeren Gewichtes sind höhere Aufbaugewichte, oder höhere Zuladung möglich / der Fahrgestellrahmen kann flacher aufgebaut werden, das Reisemobil wird insgesamt flacher, was weitere Vorteile für den Schwerpunkt und das Kurvenverhalten mit sich bringt / es ist einfacher, einen durchgehenden Doppelboden einzubauen / der Einstieg in das Reisemobil kann tiefer angelegt werden / Kardanwelle und Achsdifferential können entfallen, das fehlen technisch aufwendiger Komponeten ist vorteilhaft für die Störanfälligkeit / die hohe Marktverbreitung ermöglicht kostengünstige Produktion der Komponenten

Häufig genannte Nachteile:

Hecklastige Reisemobile bekommen schnell Antriebsprobleme ("Traktionsschwäche"), insbesondere bei Reisemobilen mit Heckgarage und/oder langen Überhängen / dies verursacht Anfahrtsprobleme auf nassem, traktionsschwachen Untergrund (Wiese, Schlamm, loses Erdreich, Schnee). Dies betrifft auch Reisemobile im Anhängerbetrieb / der Wendekreis ist vergrößert.

Als Faustregel sollte die Vorderachse mit mindestens 40% des Gesamtgewichtes des beladenen Reisemobils belastet sein. Dies kann durch zwei Wiegungen (1. Wiegung Gesamtgewicht, 2. Wiegung Vorderachse) einfach festgestellt werden.

2. Hinterradantrieb

Der Heckantrieb ist im Reisemobilmarkt kaum verbreitet. Durch die Kardanwelle und das Differential sind die Fahrzeugrahmen deutlich schwerer, als bei Verwendung des Frontantriebes, was, gerade bei den 3,5-Tonnern, weitere Einschränkungen im Bereich der Zuladung mit sich bringt. Durch den Platzbedarf der Antriebswelle wächst auch, trotz identischer Innenstehhöhe, die Außenmasse.

Hersteller:

VW, Daimler (Mercedes), Renault (wahlweise), Ford (wahlweise), IVECO

Häufig genannte Vorzüge:

kleinerer Wendekreis / da die meisten Reisemobile in beladenem Zustand hecklastig sind, verbessert sich die Traktion erheblich. Dies gilt natürlich erst recht bei Betrieb eines Anhängers.

Häufig genannte Nachteile:

Durch die zusätzlichen Antriebselemente im Vergleich zum Frontantrieb deutlich teurer, daher ist das Marktangebot deutlich kleiner, was weitere Preisnachteile mit sich bringt / in der Klasse der 3,5-Tonner kaum verwendbar, da die Zuladung (zulässiges Gesamtgewicht abzüglich Leergewicht) nicht mehr ausreicht / stärkere Wankbewegungen durch den höheren Aufbau

3. Allradantrieb

Hersteller:

Daimler (Mercedes), IVECO; eine Umrüstung durch Spezialunternehmen in Abstimmung mit dem Fahrgestellhersteller ist möglich, wird jedoch nur für einige wenige, spezielle Fahrgestelle angeboten.

Häufig genannte Vorzüge:

Fahrzeuge mit Allradantrieb können auch außerhalb der gut ausgebauten, mitteleuropäischen Reiseziele eingesetzt werden / vor allem im Winterbetrieb große Traktionsreserven

Häufig genannte Nachteile:

hoher Preis im Vergleich zum Front- und Heckantrieb / erhöhter Wartungsaufwand durch Einsatz technisch aufwendiger Komponenten / deutlich erhöhter Kraftstoffverbrauch / Antriebsvorteile machen sich nur bei besonderen Zielen abseits der ausgebauten Strecken positiv bemerkbar

4. Doppelbereifung (auch „Zwillingsbereifung“)

Vorteil:

Durch den Einsatz einer Doppelbereifung wächst die zulässige Achslast auf der kritischen, hinteren Achse deutlich. Es wird eine deutlich höhere Zuladung möglich, die die Autarkie des Reisemobils stärkt. Da die mögliche Zuladung gerade im Bereich der 3,5-Tonner sehr gering ist (wir haben dem Thema Zuladung extra ein eigenes Kapitel angedacht), stellt dieses einen erheblichen Vorteil dar.

Nachteil:

Zwei zusätzliche Räder und die geänderte Achskonstruktion erhöht den Herstellungs- und somit auch den Kaufpreis erheblich / durch die höhere, gefederte Masse ergeben sich Komfortverluste / Die Federspur wird durch den erhöhten Platzbedarf der zusätzlichen Räder geschmälert, wodurch sich stärkere Wankbewegungen ergeben / erschwerte Luft- und Sichtkontrolle der innen liegenden Räder / aufwendiger Radwechsel

5. Tandemachse

Vorteil:

Die Verwendung zweier Hinterachsen steigert die Tragfähigkeit der hinteren Achse und gestattet auch bei kleineren Aufbauten hohe Zuladung / die höhere Stabilität verringert die Wankbewegungen des Fahrzeugs / auch im Stand sind kaum Stützen erforderlich / da das Heck kaum einsinkt, sind größtenteils keine Luftfedern erforderlich

Nachteil:

Auch hier ist der Kaufpreis durch die Achskonstruktion und zwei zusätzliche Räder erhöht / Vorder- und hintere Tandemachse haben oft verschiedene Radgrößen / Die Bauweise führt, abängig vom Urlaubsland, zu deutlich höheren Mautgebühren / Durch die V erwendung von Leichtbaurahmen am Heck verringert sich meistens die Anhängelast

6. Motorisierung

Wie bereits eingangs erwähnt, werkeln in Reisemobilen dank Aufladetechnik ("Abgasturbolader") meistens kleinvolumige, drehmomentstarke Dieselmotoren mit hoher Leistung.

Die optimale Motorleistung ist von verschiedenen Faktoren abhängig:

  • der Luftwiderstand: Alkovenfahrzeuge haben einen höheren Luftwiderstand, als beispielsweise Vans und Kastenwagen
  • zulässiges Gesamtgewicht
  • das Einsatzgebiet, welches sich während der Einsatzzeit Ihres Reisemobils jederzeit ändern kann (z.B. Fahrten ins Gebirge)
  • bevorzugter Fahrstil (siehe auch unseren Fachartikel "Rasen oder Reisen", welcher in unserer Mitgliederzeitschrift "MobilSzene aktuell" erschien)

Wird ein Dieselantrieb regelmäßig und fachmännisch gewartet, ist es für alle Einsatzzwecke bestens und langfristig geeignet. Die Zahl der älteren und meist deutlich schwächer motorisierten Fahrzeuge aus den 80'er und 90'er Jahren, die auch heute noch im Einsatz sind, spricht eine klare Sprache.

Die Motorisierung ist Sache der Fahrgestellhersteller und somit nicht allgemeingültig, dennoch möchten wir die Angebotspalette kurz am Beispiel des Fahrgestells des beliebten Fiat Ducato vorstellen:

  • 2.0 JTD, 2,0 l Hubraum, Leistung 85 kW/115 PS, Drehmoment 280 Nm (diese Variante liegt den meisten Preislisten als Grundausstattung zugrunde, sie ist nur mit 5-Gang-Getriebe verfügbar),
  • 2.3 JTD, 2,3 l Hubraum, Leistung 96 kW/130 PS, Drehmoment 320 Nm,
  • 2.3 JTD, 2,3 l Hubraum, Leistung 109 kW/148 PS, Drehmoment 350 Nm, und
  • 3.0 JTD, 3,0 l Hubraum, Leistung 130 kW/ 177 PS - Drehmoment 400 Nm (kein Zahnriemenwechsel erforderlich, da Kettenantrieb)

Die Gewichtsklassen der Fahrzeuge richten sich nach den Gewichtsklassen der (teilweise ehemaligen) Führerscheine:

  • bis 3,5 t
  • bis 4,25 t
  • über 4,25 t

In dieser Liste kann man anhand der Angebotstabelle auch eine sinnvolle Abstufung der Motorleistung herauslesen. Dabei muß man sich im Klaren sein, daß der Hersteller meist von ebenerdigen Fahrtzielen im gut ausgebauten, europäischen Raum ausgeht. Dazu gehört natürlich auch die "Pflichtkür" der Alpenüberquerung, aber ein ständiger Einsatz auf gebirgigen Strecken ist nicht vorgesehen.

7. Getriebe

Neben dem Antrieb gehört auch die Umsetzung, Getriebe und Kupplung, zu den Aufgaben der Hersteller. Daher verwenden die Hersteller unter Berücksichtigung der vermutlichen Einsatzzwecke große Sorgfalt auf die Abstimmung zwischen Fahrgestell und Antrieb.

Wie auch beim PKW unterscheidet man zwischen

  • Schaltgetriebe,
  • automatisiertem Schaltgetriebe und
  • vollautomatischem Getriebe.

Obwohl sich Dieselantriebe mit hohem Drehmoment problemlos untertourig und damit "schaltfaul" fahren lassen (zumal die Fahrt auf Langstrecken zur Regel gezählt werden sollte; Reisemobile werden nur selten im Kurzstreckenverkehr eingesetzt) sorgen automatische und vollautomatische Getriebe für mehr Komfort.

Auch bei der Wahl des Getriebes gilt: ein vollautomatisches Getriebe hat üblicherweise ein höheres Gewicht und mit der Motorleistung steigt auch das Leergewicht des Fahrzeugs. Daher sollte man die Motorleistung gründlich abwägen - denn beide Komponenten verringern die kostbare, erlaubte Zuladekapazität!