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Sizilien - Kreuzweg der Antike

Text und Bilder von Wolfgang Ramsteck. Mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.


Sizilien, die geschichtsträchtige Insel mit ihren zahlreichen Bauwerken und Ruinen der unterschiedlichsten Kulturen des Mittelmeerraumes, war schon lange ein Wunschziel. An keinem anderen Ort lassen sich die Zeugnisse der Baukunst von Phöniziern, Griechen und Römern in dieser Fülle und in unmittelbarer Nähe in natura besichtigen. – Bei der Vorbereitung der Tour mit entsprechenden Recherchen im Internet wurde klar, dass für eine Anreise aus Deutschland die Fährverbindung Genua – Palermo die beste Alternative darstellt. Wer nicht „unendlich“ Zeit hat, für den ist die Anfahrt per Schiff ein Muss. Im Grunde ist es auch sonst die optimale Lösung, denn – anders als bis dahin gedacht – der bequeme Seeweg ist keine teure Extraausgabe. Für ein 7,50m-Reisemobil plus Außenkabine für zwei Personen, gebucht über den ADAC, waren Anfang April 2013 exakt 330,- Euro zu zahlen. Das entspricht ziemlich genau den Kosten einer Anreise auf dem Landweg, für Treibstoff, Autobahngebühr, erforderliche Zwischenübernachtung und Fährkosten über die Straße von Messina. – Das Kreuzfahrt-Feeling auf dem Luxus-Fährschiff der Reederei Grandi Navi Veloci (GNV), der ‚La Suprema’, die in einundzwanzig Stunden nonstop und schnurgerade Palermo ansteuert, ist dann das Sahnehäubchen der Anreise.

Die ‚La Suprema’ bzw. das Schwesterschiff „La Superba“ verlassen im Wechsel täglich außer sonntags Genua um 23:00 Uhr und erreichen am Folgetag Palermo um 19:00 Uhr. Je nach Startpunkt in Deutschland ist die Fahrt zum Fährhafen an einem Tag zu schaffen, wenn man will. Eine unserer liebgewonnenen eigenen Regeln ist, dass wir ohne Not pro Reisetag nicht mehr als 400 km fahren. Eine Übernachtung im Nahbereich von Genua kam für uns nicht in Frage. Der einzige ruhige und damit für uns akzeptable Platz in Genua (CP Villa Doria) kann nur Campingbusfahrern empfohlen werden. Die Anfahrt erfolgt durch ein Wohngebiet und das ist für größere bzw. breitere Reisemobile oder Caravan-Gespanne schwierig bis gar nicht passierbar, weil die in den Wohnstraßen in „italienischer Sitte“ falsch geparkten Autos ein normales Durchfahren verhindern. – So die übereinstimmenden Erfahrungsberichte im Internet. Das Übernachten hinter Tankstellen oder auf Parkplätzen von Supermärkten ist nicht unser Ding. Also planten wir den ersten Tag unserer Anreise aus dem Raum Ulm, via Bregenz, Chur, San Bernadino-Tunnel, am Lago Maggiore zu beenden. Auf einem Stellplatz unmittelbar am Seeufer, allein und in totaler Ruhe, fand der erste Reisetag auf dem CP Lago Azzuro in Dormeletto seinen Abschluss.

 

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Erster Stellplatz der Reise am Lago Maggiore auf dem CP Lago Azzuro. Ruhiger lässt es sich nicht übernachten. Aber die ALDE war zur Gemütlichkeit unverzichtbar. Am San Bernadino hatte es noch geschneit. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Damit gab es für uns am nächsten Tag keinerlei Stress. Selbst diverse Staus auf dem restlichen Teil der Anreisestrecke wären in Gelassenheit verkraftbar gewesen, den Fährhafen pünktlich zum Boarding erreichen zu können. Die Beschilderung zum Fährhafen ist eindeutig. Die Anfahrt zum Schiff ist denkbar einfach. 

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Beschilderung Zufahrt Fährhafen. Wer viel zu früh eintrifft kommt über die linke Spur zurück in die Stadt. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Zu unserem Fährtermin standen etwa zehn Reisemobile an der Pier in der Wartespur Richtung Palermo. Leider sind die Vorab-Informationen auf der Homepage der GNV-Reederei zur Verladung sehr dürftig. Erst durch die eigene Beobachtung erschließt sich das Prozedere. Das Boarding der Lkw, die den größten Teil der Fracht darstellten, erfolgte quasi parallel über zwei der drei vorhandenen Zufahrtsrampen am Heck des Schiffes. Pkw und Reisemobile werden separat weit vorn und tief im Rumpf geparkt. Deshalb geht es nach der Einfahrt über die dritte Heckrampe wie in einem Parkhaus im Gänsemarsch zunächst durch den Bauch des Schiffes nach vorn und dann zwei Decks abwärts. – Die Sizilienfähren der GNV besitzen Dimensionen, die beeindrucken. Nach dem „Einparken“ erhält jeder Fahrer von der Einweisern einen Merkzettel zum Stellplatz, der das schnelle Wiederfinden des Fahrzeuges sicherstellt aber auch dazu dient, die Passagiere bei der Ankunft in Gruppen (mit gleichem Fahrzeugstandort) zu den Fahrzeugdecks zu dirigieren. Über Rolltreppen und / oder Fahrstuhl gelangt man zu den Kabinen-Decks. Stewards empfangen die Passagiere und bringen sie bis in die gebuchte Kabine. Das Feeling, an Bord eines Kreuzfahrschiffes zu kommen, wird (bewusst) erfüllt. –  Im Unterschied zu den Fährpassagen in der Hochsaison im Sommer waren die Swimmingpools auf dem obersten Deck und einige der zahlreichen Restaurants und Bars auf unserer Reise geschlossen. Doch es bleiben den Gästen drei Speiseräume in unterschiedlichen Preislagen und zahlreiche Aufenthaltsmöglichkeiten zur Auswahl. Die Kabine steht dem Passagier bis zwei Stunden vor Ankunft zur Verfügung.

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Ankunft der ‚La Suprema’ in Genua. Ein schwimmendes Parkhaus für knapp 1.000 Fahrzeuge, verteilt auf vier Decks. Die erste der drei Rampen wurde gerade ausgeklappt. (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Parkhaus für Reisemobile unter der Wasserlinie (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Lobby-Bereich im Schiff, mit gläsernem Fahrstuhl. (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Auf der Überfahrt. Außerhalb der Hauptsaison viel Platz für Passagiere auf allen Decks. – Und ein ganzer Tag Sonne. Nach diesem Winter wunderbar. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Die Ankunftszeit in Palermo bedeutet, dass man vom Schiff direkt in den Feierabendverkehr der sizilianischen Metropole rollt und gut daran tut, sich schon vorher per Google-StreetMap oder vergleichbar zu informieren, wie man seinen ersten geplanten Stellplatz zur Übernachtung ansteuern will. Auf das Navi allein sollte man sich nicht verlassen; es gibt Baustellen, mit Einbahnstraßen-Regelungen  und Gewichtsbeschränkungen. Da ist der elektronische Co-Pilot plötzlich mehr am Errechnen alternativer Routen statt nützlicher Wegweiser. Die Beschilderung ist gewöhnungsbedürftig, Vorwegweiser sind selten und die Richtungsschilder stehen teilweise vor und teilweise hinter der entsprechenden Straße, das gilt es schnell zu unterscheiden, damit man nicht falsch abbiegt. Geduld ist erforderlich, um dem Stop-and-go in Palermo zu entfliehen. Und mental vorbereitet sein auf den Fahrstil der Sizilianer ist auch hilfreich. Generell gilt nicht nur auf der Insel sondern in Süditalien allgemein: Verkehrsschilder und Ampeln werden als Empfehlungen verstanden...

Wir hatten bereits daheim entschieden, dass wir nach der Ankunft in Palermo direkt zur Autostrada und in Richtung Trapani (westwärts) bis nach San Vito Lo Capo fahren, um dort auf dem CP El Bahira ein paar Tage zu stehen. Bei uns heißt der erste Aufenthalt an einem fremden Ort ‚Akklimatisierung’. Anschließend wollten wir die Insel weiter entgegen dem Uhrzeigersinn umrunden. Der CP El Bahira nimmt neue Gäste bis Mitternacht auf. Ein Zeitproblem entsteht deshalb für die 115 km vom Hafen bis nach dort nicht. Eher sind es die Dunkelheit und nach dem Verlassen der Autobahn die kurvige Weiterfahrt auf Straßen mäßiger Qualität und schließlich die schlechte Beschilderung der Platzzufahrt, die (aber nur nachts) zum Suchen führen kann.

Der CP El Bahira liegt direkt am Meer, angenehm ruhig abseits der Strasse. Nur das Gegurre der Tauben, das als Hintergrundgeräusch in ganz Sizilien gelten darf, kann am frühen Morgen stören. Im Vergleich zum sonstigen Camping-Angebot in Sizilien bietet dieser Standort überdurchschnittliche Qualität. Ein Großteil der Gäste sind Freeclimber, die aus aller Welt anreisen und dort auch Wettbewerbe veranstalten. Eine imposante Felswand begrenzt das Platzareal landseitig. In der Saison ist eine Stellplatz-Reservierung erforderlich. Schon während unserer Aufenthaltszeit gab es nur wenige freie Reisemobil-Stellplätze, was jedoch durch den steten Wechsel für Neuankömmlinge kein Problem darstellte.

Zum Baden bietet der CP einen großen Meerwasser-Pool, denn die Felsen am Strand verhindern den direkten Sprung ins Mittelmeer. Das Platzrestaurant ist hinsichtlich Preis-Leistung einwandfrei. Von der Terrasse erlebt man einen fotogenen Sonnenuntergang. WiFi in Pool- und Restaurantnähe sowie im Rezeptionsbereich ist inklusive, wie auch Dusche und Strom (bei Vorlage der CampingCard). San Vito Lo Capo, der benachbarte Badeort mit zahlreichen Restaurants, ist 5,5 km entfernt und lässt sich zu Fuß über eine Abkürzung auf einem Pfad durch ein großes Distelfeld in einer knappen Stunde erreichen – oder per Rad / Motorroller über die offizielle Straße, je nach Kondition bzw. PS in fünfzehn oder mehr Minuten, denn es sind einige Höhenmeter zu überwinden.

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Küste am CP El Bahira (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Stellplatz CP El Bahira. Über die Rohrgestelle werden in der Hochsaison Schatten spendende Kunststoff-Folien gespannt. (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Landschaft am CP El Bahira, auf dem Fußweg zurück von San Vito Lo Capo. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Enrice – Mit Blick soweit das Auge reicht

Unser nächstes Ziel war der Berg bzw. das Bergdorf Enrice, 800 m hoch über der Provinzhauptstadt Trapani gelegen. Von Trapani, der westlichsten Stadt Siziliens, bringt eine Seilbahn die Besucher nach Enrice. Eine empfehlenswerte Alternative zur Bergfahrt mit dem eigenen Fahrzeug. – Wer das Ausflugsziel mit dem eigenen Auto erklimmen will, sollte die Bergstrecke direkt aus der Stadt Trapani (beschildert) wählen. Nur diese Route bietet eine gut ausgebaute Straße, die auch von den zahlreichen Touristenbussen benutzt wird. Die engen Gassen des mittelalterlichen Ortes, gelegen auf dem Platz angeblicher ehemaliger Lüsternheit, wirken wie ein Kontrast zum Weitblick, den die beeindruckende  360°-Aussicht vom Enrice bietet. Der Ort Enrice wurde der Legende nach vom Sohn der Aphrodite als Hochburg kultischer Liebesspiele gegründet. Das aber ist Vergangenheit. Sehenswerte Gebäude, die Reste einer Burganlage samt Museum, Souvenirläden und diverse Restaurants prägen das heutige Enrice. Fehlender Autolärm und ein angenehmer Wind verführen zum längeren Verweilen. Ein Hinweis: Jeweils montags verkehrt die Seilbahn wegen Wartungsarbeiten erst ab 13:00 Uhr.

Im Stadtbereich Trapani beschreibt der Stellplatzführer zwei Parkplätze im Hafenbereich, die wir nicht besucht haben. Da uns die Nachtruhe heilig, das Stadtleben nicht mehr wichtig ist, sondern der Aufenthalt am Meeresstrand von uns bevorzugt wird, verließen wir Trapani in Richtung Süden, vorbei am Flughafen, an Marsala und Mazara, und fuhren bis nach Menfi. Dort liegt mit direktem Zugang zu einem 8 km langen, sauberen Sandstrand der CP La Palma. Ein Stellplatz nach unserem Geschmack, naturnah und mit Meerblick. Schatten spenden hohe Eukalyptusbäume. Die sanitäre Ausstattung ist mangelhaft bis primitiv, doch genau dafür haben wir den eigenen Luxus an Bord. Zwei Übernachtungen blieben wir.

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Stellplatz CP La Palma, Menfi, mit 8 km Sandstrand vor der Tür (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Selinunte – Historische Baukunst Griechenlands und Nordafrikas an einem Ort

Danach ging es 31 km zurück, bis zur Tempelanlage Selinunte, einem jener Küstenorte, die der Geschichtsinteressierte auf Sizilien besucht haben muss. Selinunte bildete in der Antike die Grenze zwischen der griechischen und jener nordafrikanischen Kultur, welche die Griechen Phönizier nannten, die Römer Punier und wir heute Karthager nennen. Auf einem weitläufigen archäologischen Gelände stehen jeweils in Sichtweite zueinander die schweigenden Überreste zweier Tempel: Templi Orientali und Acropoli. Aber was heißt schweigend, hier sprechen die Steine! Wen diese Säulen nicht beeindrucken, wen die Baukunst jener Zeit nicht zum Stauen bringt, dem ist nicht zu helfen. Fernab von Straßen oder anderem Lärm summen Bienen und zwitschern Vögel, richtet sich der Blick vom Tempel weit hinunter auf das Mittelmeer.

Aus Steinbrüchen in einigen Kilometer Entfernung stammen die schweren Steine. Allein schon der Transport der riesigen Lasten bis nach Selinunte muss mühevoll gewesen sein, erst recht das Erbauen der Tempel.

 

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Selinunte, Templi Acropoli (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Selinunte, Templi Acropoli (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Eraclea Minoa – Antikes Theater mit Meerblick

Von Selinunte sind es auf der SS 115 in Richtung Südost 69 km nach Eraclea Minoa. Die meisten Touristen fahren daran vorbei, weil sich der optische Reiz dieser Stätte eher von der Meerseite erkennen lässt. Die Lage des dortigen antiken Theaters und seine baulichen Überreste sind einen Besuch wert, denn nur wenige Kilometer abseits der Landstraße, auf einem Kreidefelsen und hoch über einer langgestreckten Sandbucht, thront ein Kleinod, an dem es sich gut „wild“ und ungestört übernachten lässt.

Das Betreten auch dieser Idylle kostet Eintritt. Die Sizilianer wissen um ihre Schätze, je nach Ort werden zwischen 4 und 10 Euro pro Person an den Eingängen verlangt. Das summiert sich.

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Küste bei Eraclea Minoa (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Agrigento - Tal der Tempel

Kein Besuch in Sizilien, kein Kreuzfahrer-Ausflug ohne Besuch im Tal der Tempel. Entsprechend zahlreich sind die Touristen, die zumeist von einem Guide angeführt in Gruppen die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Nicht verstanden haben wir die Bezeichnung „Tal“, denn die zu bestaunenden Bauwerke stehen bzw. deren Überreste liegen auf einem Höhenrücken. Allerdings befindet sich die historische Stätte unterhalb der Oberstadt Agrigentos. Die Griechen waren hier die Bauherrn und die Karthager die Zerstörer der Bauwerke, von denen der Concordia-Tempel glücklicherweise nicht abgerissen wurde, sondern von den Römern später zu einer frühchristlichen Kirche umgewidmet wurde. - Wer die geschichtlichen Wechseljahre Siziliens verstehen will, der muss nach Syrakus in das Museum.

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Antike Kunst im Tal der Tempel, gepaart mit moderner Kunst auf alt gemacht (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Nach unserer „Tempel-Tour“ übernachteten wir in Butera (zwischen Licata und Gelae gelegen) auf dem CP La Rocche. Auch dieser Stellplatz liegt ruhig, er ist von Dauercampern geprägt und war zur Zeit unseres Aufenthaltes „tot“ bzw. drei Camper in zwei Zelten und wir mit unserem Reisemobil belebten die Szene, die so oder so kein Ort für einen längeren Aufenthalt ist, auch wenn die Homepage anderes verspricht.

Villa Romana del Casale – Prunkvolle Mosaikkunst

Bevor wir weiter entlang der Küste über die Südostecke Siziliens nach Syrakus fahren wollten, erfolgte ein Ausflug ins Landesinnere, nach Villa Romana del Casale, unweit von Piazza Amerina. – Etwa sechzig Kilometer sind es vom CP La Rocche. bis nach Villa Romana del Casale, dem Ort, an dem sich eine „kunsthistorische Sensation ersten Ranges“ besichtigen lässt: 3.500 m² Fußbodenmosaik. Die Fundstätte wurde anfänglich – wegen der Größe und Pracht – fälschlich einem ehemaligen Königspalast zugeordnet. Heute weiß man, die Mosaike wurden von einem reichen Römer, der augenscheinlich – wie sich aus den dargestellten Motiven ergibt - sein Vermögen mit dem Fang und Verkauf wilder afrikanischer Tiere verdient hatte, in Auftrag gegeben. – In jedem Fall sehenswert und seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe.

Interessant und zum Schmunzeln: Wer dem neuesten Trend unserer Fitnesswelle folgend bei seinem Lauftraining aktuell die Nordic Walking-Stöcke durch Hanteln ersetzt hat, der kann an diesen Mosaiken erkennen, das ist ein uralter Hut. Auf den Mosaiken ist dieses Gymnastik-Utensil bereits verewigt. (siehe Foto) – Es gibt wahrlich nichts Neues unter der Sonne.

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Antike Gymnastik, man achte auf das „Bikini-Mädchen“ oben links, total „in“. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Die Fahrt ins Landesinnere Siziliens offenbart eine fruchtbare hügelige bis bergige Landschaft, einmal menschenleer, einmal dicht besiedelt. Bemerkenswert fanden wir, weil zuvor noch nie gesehen, dass Weinreben und Weizenfelder in unmittelbarer Nachbarschaft gedeihen. Der Weizen für die Pizza und die Reben für den dazugehörigen Wein im Landesinnern und an den Küsten Oliven, Zitronen und Artischocken, wahrlich ein Schlaraffenland. – Nicht unerwähnt soll bleiben, dass wir ausschließlich freundliche, nette Menschen erlebt haben, die uns Oliven und Zitronen schenkten, als wir danach fragten, wo wir sie kaufen könnten.

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Fruchtbare Landschaft im Innern Siziliens (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Siracusa – Weltstadt der griechischen Antike

Angetan von der schönen Landschaft im Innern der Insel fuhren wir anschließend zunächst weiter nordwärts bis nach Enna und dann von dort über die Autostrada Richtung Catania sozusagen auf einem Umweg nach Siracusa. - Catania ist mit knapp dreihunderttausend Einwohner die Boomtown Siziliens und gilt als heimliche Hauptstadt. Im Großraum Catanias leben über 600.000 Menschen, die Gegend ist geprägt durch Industrieansiedlungen und viel Verkehr. Kein Ort für uns, wir ließen ihn im wahrsten Sinn „links liegen“. - Vom ehemaligen Zentrum der antiken griechischen Welt im Südosten Siziliens ist in Syrakus ist nicht viel übrig geblieben. Die Römer haben die einstige Metropole zuerst belagert und dann ausgeraubt und dabei – so heißt es – auch den großen Mathematiker Archimedes erschlagen. Umfangreich und modern präsentiert sich das Archäologische Museum der Stadt. Dort ist auch die gesamte Geschichte Siziliens detailliert dokumentiert.

Der älteste Teil des antiken Siracusa befindet sich auf der Insel Ortiga, welche über zwei Brücken mit dem heutigen Siracusa verbunden ist. Neben einem Rundgang durch die engen Straßen der sehenswerten Altstadt und dem Besuch des erwähnten Museums empfiehlt sich die Besichtigung des Parco Archeologico, in welchem sich ein komplett aus dem Fels gehauenes großes Amphitheater bewundern lässt und eine ebenfalls in Sklavenarbeit entstandene künstliche Höhle mit 23m Höhe und 65m Tiefe, dem sogenannten Ohr des Dionysios, zu besichtigen ist.

Nachdem die wesentlichen Sehenswürdigkeiten nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind und der Parkraum knapp ist, empfiehlt sich eine Erkundung per pedes. Damit auch Zeit bleibt, in einem der zahlreichen Restaurants pausieren zu können, sollte für Syrakus ein kompletter Tag eingeplant werden. Entsprechend ist zu planen, wo man davor und/oder danach in seinem Reisemobil übernachtet. Der Stellplatzführer weist einen innerstädtischen Platz in der Nähe des Museums aus, den wir zuerst für unseren Stop vorgesehen hatten. Allerdings waren die Erfahrungsberichte im Internet nicht ermunternd (Lärm, Dreck, streuende aggressive Hunde) und so waren wir froh, als wir von einem Landsmann bereits in Trapani den Tipp erhielten, den 4 km südlich von Siracusa an der SS 115 gelegenen CP Rinaura als Übernachtungsplatz anzusteuern. Der Abzweig (landseitig abbiegen) und die Anfahrt sind beschildert. Das ist ein naturbelassenes, ruhig gelegenes Gelände hinter einer wenig befahrenen Bahnlinie. Der Camping Agriturismo wird von einer alten Dame verwaltet, die gerne bei Ankunft die Übernachtungsgebühr kassiert aber offensichtlich an der notwenigen Erneuerung oder wenigstens der Instandhaltung der total veralteten Einrichtungen kein Interesse hat. Auch hier galt für uns: Im Grünen ruhig schlafen können, am Abend noch ungestört vor dem Mobil sitzen können – alles andere haben wir an Bord. Frischwasser gab es, die Toiletten-Cassette wurde direkt in eine (prallvolle) Klärgrube entleert. Nicht „appetitlich“, aber es funktioniert. Für den Besuch von Siracusa bestellte wir uns bei der Chefin ein Taxi, das am nächsten Morgen pünktlich an der CP-Einfahrt wartete und uns für 12,50 Euro direkt vor den Museumseingang fuhr. Weil das prima funktioniert hatte, verabredeten wir mit dem Fahrer für die Rückfahrt am Abend einen Treffpunkt in der Altstadt. Auch diese Fahrt klappte einwandfrei – und ebenfalls mit Taxameter. In Trapani hatten wir diesbezüglich davor schlechte Erfahrungen gesammelt, wurden ohne aktivierten Wegmesser transportiert und der vor Fahrtantritt abgefragte Fahrpreis entpuppte sich am Ziel als „Hörfehler“, statt der akzeptablen dreizehn wurden letztlich dreißig Euro verlangt. Bei diesem Nepp ist es auf der gesamten Reise geblieben, verschmerzbar.

Mit dem Besuch in Syrakus beendeten wir das geplante „Kulturprogramm“ unserer Sizilienreise. Anschließend war eine Bahnfahrt rund um den Ätna geplant. Doch es kam anders.

Für die unter Insidern bekannte und empfehlenswerte Tour per Schmalspurbahn, die wochentags im Regelverkehr die Dörfer am Ätna-Massiv verbindet und dabei den Vulkan umrundet und Bauern und Schüler transportiert, bieten sich zwei Startorte an, Catania und Giarre/Riposto, sämtlich direkt an der Ostküste gelegen. Wegen der besseren Übernachtungsmöglichkeit und Entfernung zwischen Stellplatz und Bahnstation hatten wir uns für den CP Mokambo in Mascali unweit Riposto entschieden. Der freundliche Platzchef bot uns spontan an, uns mit seinem Auto am Montagmorgen zum ca. 3 km entfernten Bahnhof zu fahren. Da war es Freitagabend. Den Samstag hatten wir für die Auffrischung unserer Bordvorräte und die allgemeine Standorterkundung vorgesehen. Am Sonntag war Zwangspause, weil die Bahn sonntags nicht verkehrt. Bis dahin hatten wir auf unserer Reise nur Sonnenschein-Tage erlebt, hier auf dem CP Mokambo, mit direktem Blick hinauf zum Gipfel des Ätna, sahen wir die ersten dicken Wolken, die ein aufziehendes Gewitter ankündigten. Bald darauf grummelte es, die Regenwolken schoben sich wie ein Vorhang vor den Ätna und dann fielen die ersten dicken Regentropfen. Während wir warteten, dass das Gewitter weiterzieht und sich danach die Abendsonne blicken lässt, verändert sich – zunächst gänzlich unbemerkt – das typische Gegrummel des Gewitters in eine andere Art Gegrummel hoch oben auf dem Ätna. Kurz danach begann es zu hageln, wie wir glaubten, weil nicht ungewöhnlich für ein Gewitter. Aber was da hagelte waren keine Körner aus Eis sondern aus Lavagestein, in vergleichbarer Größe. Porös, leichter als Eishagelkörner, mit rauer Oberfläche, schwarz und geruchlos. Es dauerte einige Zeit, bis wir und alle anderen Besucher auf dem Platz begriffen hatten: der Ätna war ausgebrochen. Und seine Aschewolke wehte direkt in unsere Richtung. Nach den Aussagen der einheimischen Platzmitarbeiter passiert das etwa einmal jährlich. Beim letzten Mal (im Mai 2012) wären es Körner in Streusalzgröße gewesen. Man zeigte uns eine Tüte mit Ätna-Regen vom letzten Jahr. Etwa zwei Stunden grummelte und eine Stunde hagelte es. Das Gewitter war inzwischen längst weitergezogen und  auch der Ätna war wieder still. Die nun zu sehenden Wolken am Gipfel waren Rauchwolken. - Nach Einbruch der Dunkelheit sah man kleine Lavaströme, die sich vom Gipfel nur auf einer Seite abwärts bewegten. Schaurig schön. Mir selbst war die Situation unheimlich und ich wunderte mich über die Menschen um uns herum. Die meisten fanden das alles eher lustig, sie fotografierten und bestaunten den „schwarzen Hagel“. Besorgte Gesichter sah ich nicht. Als es noch hagelte, hatte ich unsere Markise bereits mehrmals von unten angehoben, um die Steinchen abzuschütteln, was nur mühsam gelang. Und ich überlegte, wie ich die Markise schnellstmöglich von ihrer Last befreien kann, wenn es nicht aufhört zu hageln, um sie einzurollen und dann vom Platz und aus der Gefahrenzone zu kommen. Zum Glück war keine Flucht erforderlich. Ich begriff, dass es nun viel Arbeit geben würde, denn nach dem Spektakel war alles schwarz, die Natur, die Wege, die Fahrzeuge, alles. Geschätzt zwei bis drei Zentimeter hoch optisch wie schwarzer Schnee lagen die Lavakörnchen. Beim Gehen knirschte es gewaltig. Die Platzmitarbeiter begannen mit „Schnee“schiebern die Zugänge zu den Sanitärräumen und zum Restaurantbereich frei zu räumen. – Erst bei Tageslicht am nächsten Morgen zeigte sich das ganze Ausmaß. Die Schlacke auf den Wegen wurde zu Haufen zusammen geschoben und in Plastiksäcke abgefüllt. Das Material gilt als wertvoller Dünger.

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Hagel der besondern Art. Wohl dem, der Leiter und Besen an Bord hatte. (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Zwei unserer bordeigenen Gerätschaften waren allseits begehrte Hilfsmittel. Für den Handfeger habe ich mir vor vielen Jahren eine Mimik gebastelt, die es erlaubt, den Handgriff des Besens mit der ausziehbare Kurbelstange der Markise zu verbinden, um damit die Markise vor dem Einrollen von Blättern und anderem Unrat zu befreien. Unsere Teleskop-Leiter war meistgefragt und ging reihum. Mit Mühe haben wir unsere ausgerollte Markise zuerst mit Rütteln und danach mit dem Handfeger befreit. Zum Glück färbten die Körner nicht ab. Der Sonntag wurde von der Platzleitung zum Arbeitstag erklärt. Die Fläche, auf der üblicherweise die Entsorgung und Versorgung der Reisemobile erfolgt, wurde zum Waschplatz. Zwar regnete es die meiste Zeit, aber das Regenwasser konnte die Körner nicht wegschwemmen. Was nicht mittels Besen vom Fahrzeugdach und aus allen Ritzen und Spalten von Motorhaube und Karosserie entfernbar war, durfte mit dem Trinkwasserschlauch weggespült werden. (Erst mit dem Hochdruck-Reiniger hier zuhause ließen sich die letzten Spuren dieses Erlebnisses entfernen.  – Selbstredend drückten sich die kleinsten der Hagelkörner in die Schuhsohlen und gelangten so auch ins Fahrzeuginnere ... inzwischen ist auch der Innenraum wieder clean. War was?)

Auch am Folgetag blieb der Vulkan in Wolken verhüllt und die Aussicht auf eben keine Aussicht bei einer Bahnfahrt nur im Regen, veranlassten uns, unser Vorhaben einer Umrundung abzusagen. So haben wir den Ätna zwar erlebt, aber anders als gedacht.

Im Regen ging es dann bis nach Messina, zur Fähre auf das italienische Festland.

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Auf der Fähre über die Straße von Messina (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Die Heimfahrt erfolgte planungsgemäß auf der Küstenstraße SS 106 / E 90, via Reggio di Calabria, Siderno, Soverato und in der ersten Etappe bis nach Isola di Capo Rizzuta, mit Übernachtung auf dem FKK-CP Pizzo Creco. Erneut bestätigte sich unsere langjährige Erfahrung, dass die FKK-Plätze die landschaftlich schönst gelegenen und saubersten Adressen für Campingurlauber sind. Dort wären wir gerne geblieben, aber in der zweiten Etappe wollten wir auf den Gargano. – Am nächsten Tag ging es deshalb auf der Küstenstraße weiter bis kurz vor Taranto / Tarent und dann von dort auf der neuen Autobahn nach Bari und weiter bis Barletto und von dort auf einer kleineren Straße direkt entlang der Küste bis nach Manfredononia (Gargano) und auf dem Gargano auf einer landschaftlich reizvollen Strecke weiter bis nach Vieste. Nur wenige der zahlreichen Plätze auf dem Gargano haben bereits Ende April geöffnet. Wir fanden einen Stellplatz auf dem CP Villagio Camping Molinella. Es war mehr der Geschäftstüchtigkeit des Platzbesitzer geschuldet als dem räumlichen Angebot, dass wir dort stehen konnten / durften. Mit unseren 7,50m in der Länge und 3,30m in der Höhe waren wir zu dick für die vorhandenen Stellplätze.  Eine „berührungslose“ Einfahrt gelingt bei solchen Fahrzeugabmessungen ganz sicher nicht. Büsche, Sträucher und Bäume hinterließen ihre Spuren im Lack. (Mit Poliermittel und Muskelkraft sind auch diese Blessuren inzwischen behoben.)

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Gargano-Küste am CP Villagio Camping Molinella (Foto: Wolfgang Ramsteck)
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Typisch Gargano (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Für den Gargano hatten wir drei Übernachtungen eingeplant. Nachdem die Sonne wieder die Tage verschönte, erfreuten wir uns mit Wanderungen und Faulenzen an der Ruhe der Vorsaison. Im Sommer wollten wir dort nicht sein. 

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Vieste, das Touristenzentrum auf dem Gargano (Foto: Wolfgang Ramsteck)

Vom Gargano ging es auf der Autostrada zügig an der Adria entlang nordwärts bis nach Sirolo, ca. 12 km südlich von Ancona gelegen, auf den großen CP Numana Blue, der den ersten Tag in dieser Saison geöffnet war. Von dort fuhren wir am Folgetag an den Gardasee, der Regen hatte uns wieder, zur Eingewöhnung an das heimatliche Wetter. Über den Brenner und dann, zur Abwechslung nicht wie sonst üblich über den Fernpass und via Füssen, sondern über den Zirler Berg, fuhren wir nach Mittenwald und weiter über Garmisch-Partenkirchen, Ettal, Landsberg und Memmingen heim ins Illertal.

Anmerkung: In der Annahme, dass auf der Insel Sizilien die Treibstoffpreise noch höher liegen als auf dem italienischen Festland, habe ich unmittelbar vor der Einfahrt zum Hafen in Genua getankt. Das war mit 1,779 EUR/l Diesel die teuerste Tankstelle (ENI) der Reise. In Sizilien schwankten die Literpreise erheblich, auch zwischen den zahlreichen Tankstellen im selben Ort. Den günstigsten Liter Diesel gab es für 1,615 EUR (Esso) in Giarre.

Text und Fotos: Wolfgang Ramsteck