
Es gibt Menschen, die rufen einmal – und niemand kommt. Und dann gibt es Astrid Surkamp. Sie rief zum RU-Treffen-Ost nach Oberhof und kaum war der Ruf verklungen, rollten auch schon die ersten Wohnmobile Richtung Thüringer Wald. Die Pioniere hatten auf dem Stellplatz bereits Stellung bezogen, weitere Fahrzeuge rückten nach und nach ein.
Einparken, ausrichten, Markise raus – und schon war aus einem gewöhnlichen Stellplatz eine kleine RU-Außenstelle geworden. Die Vorfreude war groß. Alte Bekannte wurden begrüßt, neue Gesichter neugierig beäugt und natürlich sofort ins allgemeine „Du bist doch auch bei RU, oder?“ verwickelt. Kurz gesagt: Die soziale Isolation war bereits nach wenigen Minuten erfolgreich beendet.
Für den Auftakt war ein Mitbring-Buffet angekündigt. Das klingt zunächst harmlos. Ist es aber nicht. Denn sobald eine Gruppe von Wohnmobilisten gebeten wird, „etwas mitzubringen“, entwickelt sich daraus erfahrungsgemäß eine kulinarische Leistungsschau, bei der selbst ausgewachsene Weihnachtsbuffets nervös werden. Auch Anne erhielt einen klaren Auftrag: Rote-Bete-Salat! Nun ist Rote Bete bekanntlich ein ausgesprochen hinterhältiges Gemüse. Sie sieht harmlos aus, färbt aber alles, was ihr zu nahekommt. Also wurde die Küche kurzerhand zum Hochsicherheitsbereich erklärt. Anne arbeitete ausschließlich mit chirurgischen Einmalhandschuhen. Schließlich sollte das Ergebnis später appetitlich auf dem Teller liegen – und nicht aussehen, als hätte jemand gerade einen besonders blutigen „Tatort“ nachgestellt. Die Operation verlief erfolgreich. Keine Verletzten.
Keine roten Finger. Kein Küchen-Notruf. Dafür standen am Ende mehrere Schüsseln mit leuchtend pinkem Inhalt bereit.
Dann kam der große Moment. Astrid Surkamp eröffnete das Treffen offiziell – und zwar so, wie es sich gehört: Plopp! Gläser hoch, Sekt rein, Prost! Damit war der Startschuss gefallen. Und nun wurde aufgetischt.
Was anschließend auf dem Mitbring-Buffet erschien, war schlicht beeindruckend. Herzhaft, süß, deftig, raffiniert – alles war dabei. Die Auswahl war derart üppig, dass man kurz überlegen musste, ob hier tatsächlich ein Wohnmobiltreffen oder heimlich ein gastronomischer Kongress stattfand. Natürlich wurde fachgerecht probiert. Mehrfach. Und ausgiebig. Dazwischen wurde geredet, gelacht und erzählt. Neue Geschichten entstanden, alte wurden wieder hervorgeholt und vermutlich mindestens dreimal mit leicht veränderten Details erneut erzählt. Die Zeit verflog. Erst als die Uhr bereits unmissverständlich auf Mitternacht zusteuerte, löste sich die Runde langsam auf. Die letzten tapferen Teilnehmer verließen das Buffet – satt, zufrieden und vermutlich mit dem festen Vorsatz, am nächsten Morgen nur einen Kaffee zu trinken.
Am nächsten Tag dann der Kulturschock. Wohnmobilisten sind normalerweise ein Volk, das sich durchaus für PS interessiert. 100 PS? Na ja. 150? Kann man machen. 200? Jetzt wird’s interessant. Und dann plötzlich: Zwei PS. Pferdestärken, wohlgemerkt. Keine Dieselmotoren. Keine Automatik. Kein Tempomat. Kein Navi. Stattdessen zwei ausgewachsene Kaltblüter vor der Kutsche. Das Experiment „Wohnmobilist trifft Pferdestärke“ konnte beginnen.
Die beiden vierbeinigen Motoren – optisch irgendwo zwischen Brauereipferd und Thüringer Schwerlastabteilung – machten ihren Job erstaunlich souverän. Bergauf Richtung Oberhofer Wintersportstätten ging es gemütlich, aber kraftvoll. Sehr gemütlich. Also wirklich sehr gemütlich. Die Fahrt stand ganz im Zeichen der Entschleunigung. Oder anders gesagt: Endlich einmal eine Reise, bei der niemand wissen musste, wie viele Kilometer bis zur nächsten Tankstelle noch fehlen. Auch der Kutscher trug seinen Teil zur Entspannung bei. Er war ein Mann von bemerkenswert überschaubarem Redebedarf. Informationen kamen eher nach dem Prinzip:
Aber eigentlich war das gar nicht nötig. Die beiden Pferde, die Landschaft und das ungewohnte Fortbewegungsmittel lieferten ohnehin genügend Gesprächsstoff. Nach einem kurzen Abstecher ins Zentrum von Oberhof war die gemütliche Kutschfahrt leider schon wieder vorbei. Schade eigentlich. Denn selten waren zwei PS so überzeugend.
Doch ein Wohnmobilist kennt die wichtigste Regel eines Ausflugs:
Also führte der Weg zum „Waldschrat“. Und dort wurde eindrucksvoll bewiesen, dass Thüringen mit Kalorien offenbar einen ausgesprochen entspannten Umgang pflegt. Deftig, lecker und reichlich – genau das, was nach einer Hochleistungsfahrt mit zwei PS benötigt wird. Die Kalorienbilanz wurde nicht weiter hinterfragt. Warum auch? Schließlich hatten wir uns bewegt. Wenn auch im Schritttempo.
Zurück auf dem Stellplatz war der Tag natürlich noch lange nicht beendet. Wohnmobilisten besitzen schließlich eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie können aus einem einfachen Abend vor dem Wohnmobil problemlos eine mehrstündige Gesprächsrunde machen. Ein Stuhl hier, ein Getränk dort – und schon sitzen wieder mehrere Leute zusammen. Es wurde gelacht, erzählt und gefachsimpelt. Über Reisen. Über Wohnmobile. Über Gott und die Welt. Und natürlich über Dinge, die eigentlich niemand wissen wollte, die aber trotzdem dringend erzählt werden mussten. So muss ein Treffen sein.
Und dann kam er doch: der Moment, den niemand bestellt hatte.
Wohnmobile wurden reisefertig gemacht, Stühle verschwanden, letzte Gespräche geführt. Es wurde gewunken, Schulter geklopft und mehrfach das obligatorische „Passt gut auf euch auf!“ verteilt. Und plötzlich war das RU-Treffen-Ost 2026 in Oberhof Geschichte. Vier Tage voller Begegnungen, guter Laune, leckerem Essen, jeder Menge Gesprächen und – nicht zu vergessen – einer bemerkenswerten Reise mit zwei PS.
Vor allem schöne Erinnerungen. An einen gelungenen Auftakt.
An ein Buffet, das vermutlich jeden Diätplan zuverlässig zerstört hätte. An rote Bete mit kriminalistischem Gefahrenpotenzial. An zwei beeindruckende Pferde. An Thüringer Küche. Und natürlich an die Menschen, die ein solches Treffen überhaupt erst zu dem machen, was es ist. Denn am Ende braucht es weder 200 PS noch einen großen Reiseplan.
Und wenn dann auch noch zwei Pferde auftauchen, ist das RU-Treffen endgültig auf Trab.
Bis zum nächsten Mal – wir sehen uns irgendwo auf der Straße! (K.M.)