Es beginnt mit einem Schock. Beim Chronisten wird ein malignes Melanom diagnostiziert – schwarzer Hautkrebs, aggressiv, lebensbedrohlich. Was folgt, ist ein Marathon durch Kliniken in Münster und Osnabrück: großflächige Operation, Entfernung von Lymphknoten, MRT- und CT-Kontrollen auf Metastasen. Zum Glück ohne jeden Befund. Doch zur Sicherheit startet eine Immuntherapie – ein Kampf im Inneren, still, unsichtbar, aber entscheidend.
Und als ob das nicht genug wäre, „erkrankt“ auch unser Wohnmobil. Ein Riss im Dach, genau dort, wo Stabilität selbstverständlich sein sollte. Die Reise scheint in Gefahr. Erst die Werkstatt unseres Vertrauens „Lewandowski Caravaning“ in Bramsche gibt Entwarnung: Die Dichtigkeit ist wiederhergestellt, die Reise kann beginnen.
Zwei Krisen, eine Botschaft: Aufgeben ist keine Option.
Das erste Ziel ist kein Ort, sondern Menschen: Ilona und Matthias in Rinteln. Langjährige Weggefährten, verbunden durch einige Winter in Spanien. Beim Wiedersehen geht es weniger um Sehenswürdigkeiten als um Geschichten, Erlebnisse, Veränderungen. Ein Tag voller Vertrautheit – und ein Auftakt, der zeigt: Diese Reise wird mehr Herz als Kilometer zählen.
Dann Kassel. Für den Chronisten ein Ort voller Vergangenheit – in den 1970er Jahren hieß es hier pauken, lernen, bestehen. Heute geht es um das Gegenteil: entschleunigen, erleben, genießen.
Der erste Abend schenkt einen Sonnenuntergang über Fulda und Campingplatz. Mit den Rädern geht es ins Herz der Stadt: Königsplatz, Friedrichsplatz, das Fridericianum. 7.000 Papierpalmen schmücken die Straßen – irritierend, faszinierend, Kunst eben.
Die Fuldaauen werden zur Entdeckung. Ein Landschaftspark von seltener Schönheit, per Rad „erfahren“, ein Stück Luxus, den die Herrschenden vergangener Jahrhunderte hinterlassen haben.
Eine Stadtrundfahrt überrascht: Statt 25 Euro pro Person winkt der Busfahrer ab – die Touristenkarte deckt alles ab. Ein ungewohnt positives Erlebnis in einer Welt, in der sonst jeder Cent zählt. Höhepunkt: der Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules-Denkmal, imposant wie eh und je.
Weiter nach Melsungen. Eine Fachwerkperle an der Fulda, klein, aber voller Charme. Das Rathaus von 1662 thront über dem Marktplatz, die Gassen atmen Geschichte. Auf der alten Brücke schliffen einst Holzfäller – die „Bartenwetzer“ – ihre Äxte. Ein Brauch, der der Stadt ihren Spitznamen gab.
Die Hitze kündigt sich an, bis zu 37 Grad. Frühmorgens geht es auf den Fulda-Radweg, rechtzeitig zurück, bevor die Sonne unerbittlich wird.
Und dann: Feierabendmarkt. Rund um das historische Rathaus reihen sich Stände aneinander, es duftet nach Bratwurst, Pizza, Döner. Die berühmte „Aale Wurscht“ darf nicht fehlen. Dazu Bier und Wein – offiziell gegen die 34 Grad, inoffiziell für die Gemütlichkeit. Livemusik spielt, die Stadt feiert, und mittendrin wir: dankbar, dabei zu sein.
Termine zwingen zur Heimkehr. Doch diese Tage waren mehr als ein Ausflug. Sie waren ein Statement: Trotz Krankheit, trotz Sorgen, trotz Rissen im Dach und im Leben – das Unterwegssein ist möglich.
Eine Reise, die nicht nur an die Fulda führte, sondern zurück ins Leben.
Kalle Meyer