Ist der Caravan Salon noch zu retten?

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So titelte der Europäische Motorhome Club (EMHC) in (s)einem Newsletter. Genauer gesagt müsste es heißen, „Ist der Caravan Salon 2020 noch zu retten“. Aber die generelle Fragestellung ist, auch in ihrer Doppeldeutigkeit, durchaus berechtigt. Denn am Donnerstag (14.5.) veröffentlichte die Messe Düsseldorf eine Meldung, dass der Caravan Salon 2020 in Düsseldorf lediglich um eine Woche verschoben wird. Um das gesetzliche Veto einer Großveranstaltung vor dem 31. August zu umgehen wurde der Start der Messe auf den 5. September 2020 datiert…

In der Meldung bedankt sich Werner M. Dornscheidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Düsseldorf, für die gute Zusammenarbeit mit allen Partnern in dieser besonderen Situation: „In enger Absprache mit dem Caravaning Industrie Verband, großen Ausstellern sowie vielen weiteren Partnern konnten wir uns auf den neuen Termin verständigen. Wir sind froh, mit dieser gemeinsamen Entscheidung allen Beteiligten größtmögliche Planungssicherheit bieten zu können.“

So weit so gut. Dass aber keine 24 Stunden später, die EHG (Erwin Hymer Group) eine Meldung herausgab, dass die gesamte Gruppe mit 10 Herstellern (Bürstner, Carado, Crosscamp, Dethleffs, Eriba, Etrusco, Niesmann+Bischoff, Laika, LMC und Sunlight) sowie Movera und Goldschmitt im Jahr 2020 auf keiner Messe ausstellen würde, ließ die gesamte Branche aufhorchen. Dass die Hymer GmbH & Co. KG kurz darauf eine eigene Pressemeldung verteilte, in der sie nochmals explizit ihre Abwesenheit (komplette Halle 17) hervorhob, gab dem Vorgang zusätzliche Würze.

Denn diese Meldung konterkarierte die Messe-Aussage, dass mit allen wichtigen Partnern die Terminverschiebung besprochen worden sei. Pikant ist zudem, dass der aktuelle Präsident des CIVD (ideeller Träger des Caravan Salons) auch aus dem Hause Hymer kommt.

Letztendlich führten dieser Eklat und die generelle Entscheidung dazu, dass sich zahlreiche Aussteller intensive Gedanken machen, ob sie in diesem Jahr wirklich den Caravan Salon als Austeller besuchen sollen. Fest entschlossen scheinen die Knaus-Tabbert Gruppe (Knaus, Tabbert, Weinsberg, T@B und Morelo), die französische Trigano-Gruppe (Adria, Benimar, Caravelair, Challenger, Chausson, CI, Eura Mobil, Forster, Mini-Freestyle, Karmann Mobil, Mobilvetta, Roller Team, Rubis, Silver, Sterckemann) sowie die Hobby-Gruppe (Hobby, Fendt) zu sein.

Aber es gibt durchaus etliche Unternehmen, die mittlerweile ihre Teilnahme abgesagt haben. Dazu gehören Concorde Reisemobile und die Pössl-Gruppe, PSA Peugeot-Citroen oder Zulieferer und Ausrüster wie Frankana-Freiko, GOK, Reich, Thitronik, Caratec, Alphatronic, Maxxview, Brunner, Lippert Electronics, Polyplastic und auch die Reisemobil Union. Mittlerweile sind es über 110 Unternehmen, unter ihnen auch prominente Namen wie Frankia, Thetford, Dometic, AL-KO und viele andere. Alle sind sich einig, dass in der heutigen Corona-Zeit bei einer solchen besucherstarken Messe das gesundheitliche Wohl der Mitarbeiter und Kunden nicht gewährleistet werden kann und zudem auch die gesetzlich geforderten Hygienebestimmungen weder eingehalten noch optimal kontrolliert werden können.

Die Messe Düsseldorf hält in einem schriftlichen Statement dagegen, „Wir versichern Ihnen, dass wir derzeit im engen Austausch mit dem Gesundheits- und Wirtschaftsministerium der Landesregierung sowie den weiteren NRW-Messegesellschaften ein tragfähiges Gesundheitskonzept erarbeiten, das Messen unter den derzeit notwendigen Rahmenbedingungen und Standards durchführbar macht. Dieses wird die Durchführung erfolgreicher Messen ermöglichen“.

Das erste Messe-Hygiene-Konzept hat unter vielen Ausstellern für Verwirrung gesorgt. Denn es erscheint vielen Rezipienten als zu schwammig und zum Teil als schwer nachvollzieh- und realisierbar. Es fehlen, laut Kommentaren einiger Aussteller, wirklich präzise Vorgaben. Außerdem wird die Verantwortung für viele Hygienemaßnahmen in großem Maße den Ausstellern und auch den Besuchern zugeschoben. Kontrollmöglichkeiten scheinen nur beschränkt möglich. Ein Konzept, das damals leider zu viele Fragen offen ließ.

Zur unmissverständlichen Klarstellung, damit kein falscher Zungenschlag in die Diskussion kommt: Wir, die RU, stehen zum Caravan Salon als die weltweit größte Messe für mobiles Reisen! Letztendlich gehört der Autor dieses Artikels zu dem Führungskreis, der 1994 den Caravan Salon nach Düsseldorf geholt hat und mit jahrelangem intensivem Engagement die Entwicklung dieser Messe mit vorangetrieben hat. Der Caravan Salon ist und bleibt einer der wichtigsten Branchen-Events im Jahr. Jetzt kommt das Aber: Caravan Salon um jeden Preis? Letztendlich muss eine nachvollziehbare Klärung auf den Tisch, um den Verdacht von IOC- oder FIFA-Verhältnissen zu vermeiden.

Ein wirklich tragfähiges, finales Konzept ist elementar und für viele weitere Aussteller die Basis für eine Entscheidung „pro“ oder „contra“ Caravan Salon 2020. Auch wenn aktuell keiner die Krisen-Entwicklung bis zum geplanten Messebeginn vorhersehen kann, so ist es doch verwunderlich warum eine so risikobehaftete Entscheidung mit einer derartigen Entschlossenheit verfochten wird. Denn keiner kann sich, selbst mit rheinischem Frohsinn, sicher sein, dass im September wie nach Aschermittwoch alles vorbei ist. Und was passiert wirklich, wenn durch den Salon eine zweite Pandemiewelle losgetreten wird.

Auch das Argument, dass die Messe neue Impulse setzen will, um neue Zielgruppen zu aktivieren, erscheint fraglich. Denn die gesamte Branche erlebt gerade einen Boom, weil im touristischen Wettbewerb mit Fern-, Flug, und Schiffsreisen das Angebot von Camping und Caravaning als die aktuell sicherste Urlaubsform enormen Zulauf erhält. Campingplatz- und Stellplatzbetreiber können sich vor Buchungsanfragen kaum retten. Und wäre es in dieser Situation nicht sinnvoll, dass Handelspartner, die deutschlandweit flächendeckend präsent sind, den Neueinsteigern ihre vorrätigen Modelle vorstellen und verkaufen, bevor der Neukunde auf einer Messe mit Lieferfristen konfrontiert wird? Eine damit verbundene Marktbestandsbereinigung würde sich sicherlich nicht negativ auf die Branche auswirken. Außerdem bieten die Handelsplätze mit ihrem Freiluftangebot nicht nur dem Virus wenig Angriffsfläche, sondern dem Interessenten auch eine wesentlich umfangreichere Modellvielfalt live zu Auswahl. Schon heute wird dort eine wesentlich höhere Besucherfrequenz registriert.

Und der Caravan Salon? Was passiert, wenn „Messe ist und keiner geht hin?“ Denn Fakt ist, dass die Mehrheit der erwarteten Besucher zur Corona-Hoch-Risiko-Gruppe gehören. Der pandemische Shutdown wurde letztendlich (auch) zum Schutz dieser Mitmenschen inszeniert. Wer kann garantieren, dass bei mehreren zehntausend Besuchern keine (jungen) Corona-Träger mit milden Symptomen den Virus unbewusst in die Messe tragen und ihn trotz aller Hygienemaßnahmen nicht auch übertragen? Frisst da der Salon die eigenen Kinder?

Bisher wurden die erwarteten Besucher seitens der Messe überhaupt nicht befragt, ob ihrer Intention nach Düsseldorf zu kommen. Einigen aktuellen, aber nicht repräsentativen Umfragen zufolge sind sich die Besucher tendenziell einig. Circa 80 Prozent der Befragten woll(t)en den Salon in diesem Jahr nicht besuchen wollen. Aber auch dazu gibt es bereits Stimmen. Diese orakeln, dass diese „Absagen“ und die damit fehlende Zahl an „Messe-Dauergästen“ durch neue Besucher, die Caravaning und Camping als Ersatz für unsichere Flug-, Fern- und Schiffsreisen für sich entdecken (wollen), kompensiert werden. Wenn das der Fall ist bleibt nur zu hoffen, dass sie nach dem Besuch der Messe nur vom „Caravaning“-Virus infiziert sind.

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