Wie bei jeder EuroCC gab es auch in Bourg-en-Bresse ein Anschlussprogramm, bei dem kleinere Gruppen mehrere Tage lang zu spannenden Zielen in der Umgebung geführt wurden. Auf Wunsch vieler Teilnehmer wurden vier Touren angeboten – eine davon führte unsere kleine RU-Gruppe in den Süden der Bourgogne.
Sechs RU-Mitglieder hatten sich ursprünglich für diese Tour entschieden, krankheitsbedingt blieben wir schließlich zu viert – darunter unsere beiden Einzelfahrerinnen. Gemeinsam mit 29 weiteren Teilnehmern aus Spanien, der frankophonen Schweiz und aus Frankreich machten wir uns auf den Weg.
Die Zusage, dass es alle Führungen auch auf Deutsch gäbe, war eher Wunschdenken. Zum Glück hatten wir Rose Marie, die ehemalige Präsidentin der F.I.C.M., mit dabei. Mit ihren sehr guten Deutschkenntnissen war sie unser „Rettungsanker“.
Die erste Etappe führte uns am Dienstagmorgen nach Charolles, eine charmante Kleinstadt mit keltischen Wurzeln. Bei unserer Stadtführung standen die Überreste der einstigen Grafenburg von Charolais sowie die Herz-Jesu-Kirche im Mittelpunkt.
Nach so viel Geschichte gönnte sich unsere kleine deutsche Gruppe – verstärkt durch Rose Marie und ihren Mann Pacco – eine Pause in einem entzückenden Café, bevor es am Nachmittag weiterging nach Mont-Beuvray. Dort richteten wir uns auf dem Parkplatz des Besucherzentrums für die Nacht ein und wurden sehr freundlich empfangen – inklusive Begrüßungsgetränk, das den Abend gemütlich abrundete.
Der folgende Tag stand ganz im Zeichen der Gallier. Die Aeduer, der damals größte gallische Stamm, hatten im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf dem Mont Beuvray ihre Hauptstadt Bibracte gegründet. Bei unserer Führung durch die weitläufigen Ausgrabungen konnten wir die Überreste der gallischen Stadt und der späteren römischen Siedlung hautnah erleben.
Im dazugehörigen Museum vertieften wir unser Wissen: Zahlreiche Fundstücke und anschauliche Darstellungen ließen die Geschichte dieser Epoche lebendig werden. Ein besonderes Erlebnis war das anschließende keltische Mittagessen – stilecht mit Wein, der in schweren Steingutbechern gereicht wurde. Diese durften wir als Souvenir mitnehmen, sodass uns nicht nur die Erinnerungen, sondern auch ein handfestes Andenken an diesen Tag erhalten bleiben.
Der Donnerstag brachte ein echtes Kontrastprogramm: den Besuch des Tempels der 1.000 Buddhas in La Boulaye. Die Anlage, die 1974 gegründet wurde, beeindruckte mit ihrer besonderen Atmosphäre – auch wenn die ausführliche Führung ausschließlich auf Französisch stattfand. Den Zauber des Ortes spürten wir trotzdem deutlich. Für eine Mitreisende war die Stimmung sogar so tief, dass sie sanft aus ihrer Meditation geweckt werden musste, als es Zeit zum Aufbruch war. Nur wenige Kilometer weiter erreichten wir Autun, wo wir auf einem einfachen Schotterplatz übernachteten – vor einer Polizeikaserne und ohne jeglichen Komfort.
Am Freitagmorgen führte uns der Weg dann in die Antike: Zunächst zum römischen Theater von Autun, das mit seinen 150 Metern Durchmesser einst 20.000 Zuschauer fasste – das größte seiner Zeit im ganzen Römischen Reich. Weiter ging es zu den gut erhaltenen Stadttoren und zum geheimnisvollen Janus-Tempel aus gallischer Vorzeit. In der Innenstadt erwartete uns anschließend die fast 1.000 Jahre alte Kathedrale von Autun, reich an Kunstschätzen und Reliquien. Zum Abschluss durften wir noch einen Blick in die restaurierten Keller eines antiken Weinguts werfen, das heute für festliche Veranstaltungen genutzt wird.
Der Abend hielt dann ein besonderes Highlight bereit: Unsere spanischen Mitreisenden überraschten uns mit einer Queimada – einem uralten Ritual aus Galizien, bei dem Feuer, Erde und Wasser vereint werden. Das heiße, kräftig alkoholische Getränk sorgte für Wärme, Stimmung und einen unvergesslichen Abschluss dieses erlebnisreichen Tages.
Nach einer ruhigen Nacht stand am nächsten Morgen das Musée des Enfants de Troupe auf dem Programm – wörtlich „Museum der Kinder der Truppen“. Es befindet sich im Militärgymnasium von Autun und erinnert an die zahlreichen Militärschulen, die Frankreich in den vergangenen 100 Jahren geprägt haben. Da jedoch keine Führung vorgesehen war und sämtliche Beschriftungen ausschließlich auf Französisch gehalten waren, hielt sich unser Interesse in Grenzen. Vor allem unsere drei deutschen Damen fanden das Thema wenig spannend, sodass wir bald wieder zum Stellplatz zurückkehrten.
Da für den Rest des Tages ohnehin kein Programm geplant war und der Bedarf an Ver- und Entsorgung stieg, entschieden wir uns für einen nahegelegenen Campingplatz. Dort warteten alle zivilisatorischen Annehmlichkeiten – von warmen Duschen bis hin zu einem freundlichen Platzwart, der fließend Deutsch sprach. Ein Stück Komfort, das wir nach den vorherigen Tagen sehr genossen.
Gut erholt und gestärkt schlossen wir uns am nächsten Morgen wieder der Gruppe an. Ziel der letzten Etappe war das prachtvolle Château de Sully, das größte Renaissanceschloss in Burgund. Während einer ausführlichen Führung erkundeten wir die weitläufige Anlage aus dem 16. Jahrhundert, die von außen ebenso beeindruckte wie mit ihrem prunkvollen Inneren.
Den würdigen Abschluss des Programms bildete ein gemeinsames Essen in der Orangerie, die heute vor allem für Hochzeiten und Feiern genutzt wird. Aufgetischt wurde eine regionale Spezialität, das sogenannte Mâchon. Traditionell besteht es aus panierten Rinderkutteln (tablier de sapeur), knusprigen Schweinekratzern (grattons) und deftigen Würstchen (andouillettes). Unsere Variante fiel etwas „leichter“ aus – was sicher nicht alle bedauerten.
Mit dem Besuch von Sully endete das offizielle Programm, und wir machten uns auf den Heimweg. Doch auch die Rückreise hielt noch kleine Abenteuer bereit: In Belfort waren sowohl der Stellplatz in der Stadt als auch der Campingplatz am Stadtrand komplett belegt. Unser Ausweichplatz verlangte zudem eine Camping-Car-Park-Mitgliedschaft, die niemand von uns besaß. Also ging es weiter bis über die Grenze nach Deutschland. Am Kirschenhof Schmidt am Kaiserstuhl hatten wir schließlich Glück – obwohl offiziell schon geschlossen, ließ uns der freundliche Betreiber noch einfahren und versorgte uns sogar mit frischen Kirschen.
Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege. Hinter uns lag eine erlebnisreiche Tour durch die Bourgogne, voller Eindrücke, Begegnungen und schöner Momente. Zum Abschluss einer rundum gelungenen Reise erreichte uns allerdings ein letztes „Souvenir“ erst Wochen später: französische Bußgeldbescheide für kleine Tempoüberschreitungen.
Siegfried Orth